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Feinheitsgebot. So wird des Jägers Werkzeug zum Unikat.

Mit Sticheln und Punzen bearbeitet Nina Stankus Stahlplatten, die kaum größer sind als eine Streichholzschachtel. Die Waffengraveurin zeichnet Natur- und Jagdszenen von zarter Schönheit und Ornamente mit graziösem Schwung, die jede Waffe zum kostbaren Einzelstück veredeln.

Steven Spielberg hat die Saurier aus „Jurassic Parc“ auf seiner Flinte eingravieren lassen. So große Tiere hat Nina Stankus noch nie gezeichnet, aber es wäre sicher kein Problem für die kunstfertige Graveurin aus Wankendorf. In dem holsteinischen Dorf bei Plön veredelt sie Waffen für Jäger aus ganz Europa. Sie hat schon Hirsche und Rehe graviert, Sauen und Eichhörnchen, auch wilde Tiere von anderen Kontinenten sind möglich. Meist sucht sie zusammen mit dem Kunden eine geeignete Motivvorlage aus. Bei Federwild wird beispielsweise lange über die schönste Flügelposition aus einer Sequenz von Fotos nachgedacht. Aufschwung oder Abschwung, eine Ente allein oder ein ganzer Schoof?
Für einen ihrer letzten Aufträge gab es allerdings keine Bildvorlage, nach der sie hätte arbeiten können. Ein sehr junger Kunde, der sich noch nicht reif genug für den großen Keiler fand, wünschte sich seine Traumfrau auf der Büchse. Nach einer kurzen Überraschungspause fragte Nina beherzt, wie die denn aussehe. Das allerdings wusste der Jäger noch nicht so genau. Und welche Pose ihm denn gefallen würde? Das Ergebnis ist beeindruckend ausgefallen: eine nackte Schönheit, die entfernt an Michelle Pfeiffer erinnert. Eine starke Konkurrenz, wenn eines Tages die echte Traumfrau in sein Leben tritt, aber die Büchse ist ja ohnehin die Geliebte des Jägers. Darüber lacht die aparte Spezialistin herzerfrischend.
Zwar ist Nina Stankus’ Handwerk uralt – schon Steinzeitjäger schnitzten Zeichen in ihre Waffen, um sie kenntlich zu machen –, aber ihre Einstellungen sind es keineswegs. Sie freut sich, eine der wenigen Frauen zu sein, die diese Kunst beherrschen. Wenngleich das keineswegs ihr erklärter Berufswunsch war. Modedesign wollte sie studieren, aber nach drei Tagen an der Nähmaschine wusste sie, dass ihre Vorstellungen falsch gewesen waren. Es waren nicht weiche Stoffe, die sie bearbeiten wollte, sondern hartes Metall.

Das war ihr schlagartig klar geworden, als sie zum ersten Mal einen Stichel in der Hand gehalten hatte. Bei einem Schnupperbesuch in der Höheren Technischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt Ferlach hatte es sie erwischt. Gravurtechniken wollte sie lernen, denn obwohl die Schule unter einem solchen Namensungetüm firmiert, ist sie für ihre erstklassigen Ausbildungsmethoden weithin bekannt. Den Abschluss machte sie in Suhl, wo ebenfalls hervorragende Graveure unterrichten, und mit Praktika bei zwei berühmten Künstlern schärfte sie ihre Technik. Alain Lovenberg und Martin Strolz sind zwei ganz Große in ihrer Branche, und sie öffneten für die junge Kollegin gerne ihre Werkstatt-Tore in Belgien und Österreich.

Wer so studiert hat, beherrscht das traditionelle Handwerk in Perfektion. Der kann Flachstich und Federstich, zeichnet quasi auf Metall und arbeitet plastische Motive in Relieftechnik aus. Wer Nina Stankus bei der Arbeit zusehen darf, könnte vor Respekt erstarren. Sie benutzt Hammer und Meißel wie ein Steinmetz, nur sind ihre Werkzeuge viel kleiner. Den Hammerstiel musste sie sich in der Lehranstalt selbst schnitzen, damit er perfekt in ihrer Hand zu liegen kam, sonst ließen sich damit nicht solche feinen Arbeiten ausführen.

Auch die Stichel macht sie sich selbst. So feine Werkzeuge gibt es nicht zu kaufen. Oft reicht ein winziger Stahlnagel, den sie entsprechend anspitzt. Damit treibt sie Linien in das Metall, lässt Figuren und Ornamente entstehen. Für Schattierungen reichen Punkte im Zehntelmillimeterbereich. Da wird mit Lupe gearbeitet, mit bloßem Auge sind sie nicht zu erkennen. Auch ein Relief arbeitet sie aus dem Metall heraus wie ein Bildhauer aus Stein. Erhabene Figuren entstehen durch komplettes Abtragen des Hintergrunds. Die handschmeichlerischen Drei-D-Motive gehören mit zum Kompliziertesten ihrer Kunst, aber darin kann sie sich auch richtig ausleben. Verglichen mit Goldschmieden hätten die Waffengraveure ja noch ordentliche Flächen zum Gestalten, findet die Künstlerin. Und wenn der Systemkasten nicht ausreicht, laufen die Motive weiter über das Pistolengriffkäppchen bis zum Abzugsbügel. Und auf Schraubenköpfe kann immer noch ein stilisiertes Blümchen gesetzt werden. Sie spürt die unterschiedliche Härte der Metalle und bietet ihnen ihre Motive an.
Für einen Siegelring aus Silber hatte sich der Kunde sein Familienwappen gewünscht. Frei Hand setzte sie noch rechts und links mit winzigem Stichel seine Initialen neben die Miniatur. Selbst Gold wird in der Waffenkunst gerne verwendet. Trugen herrschaftliche Prachtexemplare früher Keiler oder Elefanten aus Gold, so ist es heute eher die eigene Signatur auf dem Pistolengriffkäppchen, die den Jäger als Individualisten auszeichnet. Dafür werden die Schwünge der Buchstaben wie feine Rillen in den Stahl gestochen. Das anschließend eingelegte Gold ist massiv, keineswegs nur Blattgold. Wegen der Weichheit des Edelmetalls lässt es sich exakt in die vorgefertigte Rille pressen und verformt sich mit dem Stahl zu einer glatten und homogenen Oberfläche. Vornehmer kann ein „Namensschild“ kaum sein. Bei so viel Freude an schönen Waffen versteht es sich fast von allein, dass die Graveurin selbst Jägerin ist. Schon als kleines Mädchen hätten sie die Tiergeschichten ihres Onkels fasziniert. Dass Enten Steine aufnehmen, um verdauen zu können, wusste sie schon, bevor sie richtig schreiben konnte. Gleich nach dem Abitur machte sie ihren Jagdschein und geht seither so oft wie möglich ins Revier. Ansitzjagd ist ihr Schönstes, die Natur genießen, das Wild beobachten und den Alltag hinter sich lassen. Einfach mal nicht erreichbar sein!
Was sie erlegt, verarbeitet sie auch allein. Nicht nur die klassischen Bra-tenstücke bereitet sie mit Freude zu, Nina ist eine ausgezeichnete Köchin und macht sogar ihre eigene Bratwurst. Im Sommer wird viel gegrillt, ganz klar, dass ihr das auch mit Wild vorzüglich gelingt.
Und ihre Waffe? Welches Motiv trägt die Graveurin zur Jagd?

Verschiedene kleine – aber das Meisterstück wartet noch auf Bearbeitung. Sie hat sich einen Rohling bestellt, der Schaft ohne Finish, unbehandeltes Wurzelholz, glatter Stahl, weißfertig. Da hat sie jede Menge Freiraum, den sie bis zur Laufwurzel gravieren will. Mit Kaliber 20/76, 7x57R ist die Büchsflinte ein ideales Vier-Jahreszeiten-Gewehr. Was läge da näher, als alle Tiere in entsprechender Abfolge darauf zu verewigen? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!

 

Text und Produktion: Sabine Wesemann, Fotos: Henning Heide